Hintergrund

In diesem Jahr findet das ROSTFEST zum fünften Mal statt. Die ersten Jahre haben gezeigt, dass Eisenerz und die Region um den Erzberg Raum für Experimente und die Erprobung neuer Strategien im Umgang mit Leere und Schrumpfung bietet. Die Menschen zeigen sich offen für Neues und Beteiligte sowie Besucher/innen von außen sind fasziniert von den unterschiedlichen Möglichkeiten, die sich hier erschließen.

Dabei wird die Eisenstraße in unserer heutigen Zeit als „Systemfehler“ angesehen. In einer Welt, in der Wachstum als die maßgebliche Größe zur Bestimmung der Daseinsberechtigung angesehen wird, ist eine mit Strukturproblemen sondergleichen behaftete, schrumpfende Region im globalen Kontext wenig bis gar nicht relevant. In Zusammenhang mit der intensiven Beschäftigung mit Eisenerz hat ein Experte empfohlen, die Stadt doch „vom Netz zu nehmen“, die Lichter abzudrehen, wenn auch die Letzten weggezogen sind. Und auch auf Entscheidungsträgerebene wird in Zeiten schrumpfender Budgets die Sinnhaftigkeit hinterfragt, öffentliche Mittel in eine totgesagte Region zu stecken.

Wir befinden uns gegenwärtig in einer allgemeinen Wendezeit. Es wird in der westlichen Welt zunehmend spürbar, dass die wirtschaftlichen Wachstumspfade der letzten 50 Jahre an ihre Grenzen stoßen. Stetes Wachstum ist mit endlichen, begrenzten Ressourcen nicht möglich. Rationalisierung, Technologisierung und Globalisierung sind die Versuche gegen einen Niedergang anzukämpfen. Immer mehr wird aber auch spürbar, dass diese Maßnahmen soziale Auswirkungen nach sich ziehen. Krisen in Europa und den USA führen zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf ein historischeres Niveau.

Diese Umstände wurden in der Region rund um den Erzberg bereits vor 20 Jahren zur Wirklichkeit. Nach einer langen Phase der Realitätsverweigerung hat in der Eisenstraße in den letzten Jahren ein Prozess der Akzeptanz und des Umdenkens eingesetzt. Hier wird es nicht mehr so sein wird wie es früher einmal war. Der Erzberg, als Brotlaib der Steiermark bejubelt, ist nicht mehr in der Lage, die ihn umgebenden Menschen in einstmals herkömmlicher Weise zu ernähren. Die Phänomene Abwanderung, Alterung und Schrumpfung werden mittlerweile in der Region öffentlich diskutiert.

Als wir vor 10 Jahren, ausgehend von dem Programm „Shrinking Cities“ (www.shrinkingcities.com) der Deutschen Bundeskulturstiftung, begannen uns mit dem Thema Schrumpfung zu beschäftigen, wurde uns immer kommuniziert, dass die Region rund um den Erzberg ein Sonderfall sei. Mittlerweile ist der Öffentlichkeit bekannt, dass große Regionen der Obersteiermark und anderer ländlichen Regionen ein ähnliches Schicksal teilen. Es geht um die Frage, was geschieht, wenn die Jungen wegziehen, Häuser leerstehen und keine Perspektiven entlang herkömmlicher Entwicklungspfade zu sehen sind.

Über Jahrhunderte war die Eisenstraße Entwicklungs-Pionier. Heute scheint die Lage prekär zu sein. Die Region kann jedoch wieder eine Vorreiterfunktion einnehmen. Es geht um die Frage der Neuausrichtung unserer Gesellschaft in einer Zeit nach dem Wachstum. Was kommt danach? Die Notwendigkeit der Suche nach Antworten auf diese Überlebensfrage, besitzt damit ein wesentliches Zukunftspotential. Die Region kann so zu einem Motor der künftigen Entwicklung unserer Gesellschaft werden.

Mit dem ROSTFEST ist es uns in den ersten beiden Jahren gelungen, neue Interventionen, schräge Formate und innovative Diskurse in die Region zu bringen und damit sowohl die Bewohner/innen als auch Besucher/innen von außen zu begeistern. Diesen Weg wollen wir weiterführen und aufbauend auf den Erfahrungen, den Lerneffekten und den Feedbacks für noch mehr Nachhaltigkeit und Sinnvermittlung dieses Tuns zu sorgen. Wir spüren, dass unser Weg den Vorteil hat, dass bei der Frage nach der Zukunft nicht das Flip-Chart und der Abschlussbericht, sondern unmittelbare Aktionen im Vordergrund stehen. Diesen Weg wollen wir weiter beschreiten und neue Antworten auf die Frage nach dem Wohin in einer Post- Wachstumsgesellschaft umreißen!

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