Facebook

Festival für regionale Impulse Eisenerz

18. - 21.8.16

Nachbarn für Frau Schubert

Von engel am 23. August 2014
ROSTFEST 2014

Frau Schubert ist froh. Lächelnd lehnt sie aus dem Fenster im ersten Stock und sagt: „Es ist schön, wenn etwas los ist“ und „es gibt auch keinen Lärm.“ Das Rostfest ist Frau Schubert willkommen. Es passiert etwas in der verlassenen Siedlung. In ihrer Siedlung. Frau Schubert ist die letzte Bewohnerin im ansonsten leerstehenden Arbeiterhaus-Komplex. „Mit 90 Jahren siedelt man nicht mehr um“, erklärt sie demütig, aber nicht traurig. Seit 1956 wohnt Frau Schubert in der Münichtalsiedlung, mit den Jahren wurden die Nachbarn immer weniger. Es bleibt Tristesse, Einsamkeit.

Aber nicht heute. In diesen Tagen füllen die Besucher des Rostfests Frau Schuberts Siedlung. Die leerstehenden und großteils sanierten Wohnungen  werden zum sogenannten Urban Camping genutzt. Ohne Warmwasser und Strom wohnen, feiern und schlafen (gelegentlich) an diesem Wochenende rund 450 Besucher in der Siedlung. Kochen gemeinsam, lernen einander kennen, musizieren und beleben Innenhof und Zufahrt, die sonst Frau Schubert ganz allein gehören.

Als Frau Schubert vor fast 60 Jahren hier einzog, blühte das Leben in der Münichtalsiedlung. 4000 Menschen lebten hier einst, 200 sind es heute noch. „Die meisten sind weggestorben, ein paar sind weggezogen“ – wieder demütig, nicht traurig.  Aus mangelnder Perspektive verließen die Bewohner die Arbeiter-Siedlung; nach zog meistens niemand. Frau Schubert musste damals drei Jahre darauf warten, eine freie Wohnung zu bekommen. Drei Jahre.

Im Jahr 2014 ist das einfacher. Der Wohnungen sind genügend frei. Die Camper stellen dort für fünf oder weniger Tage eine alternative Lebensweise auf Probe. Das Verein Symposium Lindabrunn (VLS) stellt Equipment zum gemeinsamen Kochen zur Verfügung und bastelt mit Campern andererseits an einer Trocken-Lösung als Ersatz für die Dixie-Klos. Der dazugehörige Hackbus lädt mitsamt nomadischem Museum zum Erleben, Probieren, wenigstens Erdenken alternativer Nutzungen öffentlichen Raums. Frau Schubert ist froh.

Share on TumblrTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Pin on PinterestShare on LinkedInEmail this to someone