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Festival für regionale Impulse Eisenerz

18. - 21.8.16

Rostfest Revisitied

Von matzinger am 26. August 2014
ROSTFEST 2014

Grau, karg, zwei Wochen Regen. Der Eisenerzer August war vieles außer festlich. „Das Rostfest lässt eine Region hochleben, die glaubte, nichts mehr feiern zu können“, schreibt die größte ansässige Tageszeitung. Das Rostfest ist wieder da.

Montag, 10 Uhr: Zwei gut bepackte Männer machen sich ab Admont auf den Weg zum Rostfest. Ihre Route führt über die Oberst-Klinke-Hütte, die Mödlinger und die Ennstaler Hütte und braucht insgesamt vier Tage. Sie werden in dieser Woche nicht die einzigen sein, die zu Fuß zum Rostfest anreisen.

Montag, 14 Uhr: Drei junge Männer beginnen mit der Installation eines Benzingenerators im Keller eines leerstehenden Wohnhauses der Münichtalsiedlung. Sie werden in dieser Woche die einzige Urban-Camping-Wohnung mit Stromzugang sein.

Dienstag, 19 Uhr: Die Gemischtwaren-Werkstatt „Roter Keil“ kocht sich im eigenen Zelt ihr veganes Abendessen. Seit gut einer Woche wohnen und werken die BildhauerInnen, MalerInnen, Goldschmiede, GlasbläserInnen neben dem Festivalzentrum in Eisenerz. Eine kleine Künstler-Kommune im postindustriellen Dorado.

Mittwoch, 14 Uhr: Ein Gymnasiallehrer in weißem Anzug geht in der Stadt umher und biegt hunderten Passanten aus seiner Drahtrolle Kleiderbügel. Der Künstler möchte so die Last, die auf ihm liegt, los werden.

Mittwoch, 18 Uhr: Die Beamer von Ochoresotto laufen warm. Die Visual-Artists werden die Eisenerzer Altstadt in den kommenden Tagen in ein einziges riesengroßes Schaukabinett verwandeln. Fassadenlevel: 41-Grad-Fiebertraum!

Mittwoch, 20 Uhr: Hinter der Pop-Up-Bar mit Favela-Charakter „Requisite“ essen zwanzig Organisatoren, Helfer und Künstler auf einer großen Tafel zu Abend. „Der Parkettboden kommt erst“, sagt einer der Lokalbetreiber in persiflierender Wiener-Wirt-Stimme und grinst. Das Rostfest steht.

Donnerstag, 16 Uhr: Ein Dreijähriger zögert, sich an das Schlagzeug im Numavi-Tonstudio zu setzen. Nachdem es vollständig aufgebaut ist, lässt er sich überreden. Oskar spielt.

Donnerstag, 23 Uhr: „Darf man da mit der Bierdose reingehen“, fragen sich die Besucher der Wehrkirchenperformance von Le Tam Tam und wählen einen Platz in der hinteren Sitzbankreihe. Der Pfarrer setzt sich neben sie.

Freitag, 12 Uhr: Im Plastikzelt neben ihrem Wohnwagen-Auto schrauben, kleistern und hämmern zwei ehemalige Architekten gemeinsam mit Festival-Besuchern an einer Trocken-Toilette für eine nachhaltige Nutzung der Urban-Camping-Siedlung. Scheißen wie die Römer.

Freitag, 15 Uhr: Im hintersten Raum des leerstehenden Kleidungsgeschäftes fahren Menschen mit ihren Fahrrädern um die Wette. Drinnen.

Freitag, 17 Uhr: Ein Mann lässt sich tatsächlich den Schriftzug ROSTFEST 2014 auf den Oberschenkel tätowieren.

Freitag 18 Uhr: Auf der großen Bühne am Bergmannplatz werden vier junge Menschen feierlich mit Sekt und Bier begrüßt. Soeben haben sie ihren 90-Kilometer-Fußmarsch Graz-Eisenerz beendet. Die Rostfest-Pilger sind da.

Freitag, 23 Uhr: „Lasst uns jetzt den Bergmannplatz niederficken“, redet Poetry Slammer Jimi Lend das Publikum vor den Headlinern warm. Was folgt ist ein exzessives Furiosum einer Show der Schweizer Monkey3. Niedergefickt.

Freitag, 23 Uhr: Bass. Schweiß. Ekstase. Hunderte Menschen tanzen im gedroschen vollen Verkaufsraum eines leerstehenden Kleidungsgeschäftes zu kontemporärer Tanzmusik. Der Eule-Floor ist Party-Epizentrum.

Samstag, 6 Uhr: Die letzten Hardtekno-Freunde verlassen den kleinen Keller, in dem Noise Collage die Nacht weggefeiert hat. Die Sonne über Eisenerz geht auf. Freitag ist jetzt aus.

Samstag, 11 Uhr: Ein Künstler aus London hält beim Frühschoppen am Schichtturm inne, steht auf und verlautbart, dass dies der geilste Platz der Welt ist.

Samstag, 12 Uhr: Frau Schuberts mit Fleischlaibchen geschwängerte Mikrowelle läutet synchron zur Kirchenglocke. „Zwölf ist’s. Da essen wir alten Weiber“, sagt die 90-jährige Ur-Eisenerzerin aus dem Fenster im ersten Stock des leerstehenden Arbeiterhauses, während ihre Wochenendnachbarn langsam aus Schlafsack-Träumen erwachen.

Samstag, 16 Uhr: Im großen roten Haus am Bergmannplatz nippen junge Hippies gemeinsam mit alten Eisenerzern vom Kaffee. Ein Mann mit Baskenmütze singt. Rostfest-Glückseligkeit.

Sonntag, 2 Uhr: Michael Ostrowski legt in der Rostbar alten Schlager auf. Er trägt kein T-Shirt mehr. Gerald Votava tanzt dazu. Er trägt einen Mantel.

Sonntag, 4 Uhr: Der Schlagzeuger von Franz Strosuk drischt ein letztes Mal so schnell in die Trommeln, dass das Zusehen schwerfällt. Die letzte Double Bass verklingt. Der Numavi-Floor hat fertig.

Sonntag, 4 Uhr: Ein Mann mit langen, rotgefärbten Locken, schwarzer Lederhose und Zylinder legt in Rückraum des „Feel“ Metallica und Cannibal Corpse auf. Außer ihm ist niemand mehr da. Er lächelt.

Sonntag, 9 Uhr: Ein kleiner Junge, sein Vater und der Mann mit Hauly-Berechtigung klettern die Stufen zur Fahrer-Kabine hinauf. Unter Polizeieskorte fährt der monströse Kraftwagen auf beiden Straßen-Spuren von der Bushaltestelle in Eisenerz zum Erzberg zurück. Die Augen der Zeugen scheinen von tiefer Trauer. Mit dem Hauly verlässt sie das Rostfest.

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